Wie soll das denn gehen – (m)ein Tag auf dem Abschleppwagen

Katrin Sießl, bis Dezember 2025 geschäftsführender Vorstand des BAVC-Bruderhilfe e.V., hat sich zum Ende ihrer Amtszeit einen Wunsch erfüllt und einen Tag lang einen Silbernen Engel auf Tour begleitet. Was sie dabei erlebt hat und wie es ihr dabei ergangen ist, lesen Sie hier.

Die einzig mögliche Überschrift dieses Berichtes über meinen Tag auf dem Abschleppwagen ist mir schon beim Verlassen des Firmenhofes klar. Nie hätte ich gedacht, dass diese Rechtskurve in die Straße vor dem Hof des Abschleppunternehmens auf Anhieb gelingen könnte. Ich sollte noch ganz andere Manöver miterleben.

Nach mehr als 20 Jahren Geschäftsführung des BAVC kenne ich die Arbeit der Pannenhelfer aus der theoretischen Betrachtung. Den Wunsch, einmal auf einem Abschleppwagen mitzufahren, will ich mir jetzt endlich erfüllen. Die Suche nach einem „passenden“ Assistance Partner führt mich an meinen Heimatort und zu einem Unternehmen, das mir sehr vertraut, dessen Größe mir aber nicht bewusst ist.

Maik Ewald – der Mann auf der Maschine

Maik Ewald und sein Arbeitgeber, Assistance Partner Stolte, sind wohl, was man die Idealvorstellung eines Pannenservices nennen könnte. Maik hat KFZ-Mechatroniker gelernt und trotz erfolgreicher Ausbildung bald gemerkt, dass ein Werkstattalltag nichts für ihn ist. Sein Chef bot ihm an, den LKW-Führerschein zu machen und damit war alles klar. Heute ist Maik Leiter des Abschleppteams und ich darf ihn einen Tag lang bei seiner Arbeit begleiten.

Das Unternehmen Stolte verfügt über mehrere Standorte, eine Werkstatt und eigene Mietwagen. Wer nach einer Panne von dieser Firma versorgt wird, profitiert von einer schnellen Reparatur und wird mit einem Mietwagen mobil gehalten. Alles aus einer Hand.

Bevor es losgeht

Es ist Montag und dies ist ein Wochentag mit Stresspotential. Das Wetter ist heute super, bisher keine Unfälle, ein Abschleppauftrag muss von einer Versicherung noch freigegeben werden und das dauert. Ich bedauere derweil die Betroffenen, die jetzt eine schnelle Abwicklung erhoffen.

Einige Daten zu unserem Fahrzeug heute: Mercedes Benz Actros 1935, Baujahr 2024, 19 t schwer, 350 PS stark und 320.000 Euro teuer. Dieser „Riese“ ist nach den Wünschen und Anforderungen des Unternehmens zum Beispiel in Bezug auf die Ladekräne konfiguriert. Maik hat also die Ausstattung „seines“ Fahrzeuges ausgewählt. Übrigens haben alle Fahrer der Firma Stolte feste Fahrzeuge. 

Wie komme ich unfallfrei auf den Beifahrersitz dieses Riesen? Es gelingt, nur gut, dass niemand sieht wie.

Unterwegs zum ersten Einsatz

Unser erster Einsatz ist ein PKW mit einem defekten Reifen. Das Fahrzeug steht direkt am Wohnhaus, mitten in einem Wohngebiet (muss ich erwähnen, wie eng die Straßen waren?). Der Besitzer freut sich, dass wir so schnell da sind. Seine Ehefrau kommt extra vor die Tür und möchte schauen, wie so etwas funktioniert. Um zu erklären, warum ich nur herumstehe und nicht mit anpacke, sage ich vorsichtshalber „Genau das will ich mir heute auch anschauen“. 

Die Frage „Würden Sie so etwas denn machen wollen?“, beantworte ich mit einem Lächeln. Auch wenn ich die Zeit nicht gestoppt habe, nach weniger als 10 Minuten ist alles erledigt: der PKW ist sicher auf dem Abschlepper, der Auftrag ist digital dokumentiert, vom Kunden unterschrieben und wir sind auf dem Weg zur angegebenen Werkstatt. 

Der Nächste bitte – wieder ein Reifenschaden

Nach dem Abladen geht es zum nächsten Einsatz. Wieder ein Reifenschaden, diesmal auf einem Supermarktparkplatz und ja, es war wieder eng. Während des Aufladens musste der ein oder andere Kunde vor dem Verlassen des Parkplatzes rangieren oder etwas Geduld aufbringen, aber es gab kein Hupen, keine bösen Blicke. 

Stichwort Geduld: Schon jetzt ist mir das ultimative Erfolgsrezept für entspannte Kunden und reibungslose Abläufe bei der Pannenhilfe klar. Maik beantwortet alle Fragen des Kunden freundlich und geduldig, fängt aber ganz nebenbei ruhig und konzentriert schon mal mit seiner Arbeit an.

Wenn die Rücksichtlosigkeit anderer für den Helfer zur Gefahr wird. 

Das nächste havarierte Fahrzeug ist etwa 25 km weit entfernt liegen geblieben und ich gebe zu, die Fahrt dorthin ist einfach nur schön. Strahlender Sonnenschein, durch die hohe Sitzposition ein toller Überblick und ja, ich muss mich ja um nichts kümmern und kann die Landschaft genießen. Wenn Maik jetzt davon spricht, dieses unabhängig und allein Sein auf „seinem Abschleppfahrzeug“ zu schätzen, kann ich das für den Moment nachvollziehen. Dass er heute eine Ausnahme macht und eine Beifahrerin mitnimmt, die auch noch Fragen stellt, rechne ich ihm hoch an. 

Am Schadenort angekommen, wird es aus meiner Sicht brenzlig. Maik bleibt routiniert, ich werde nervös. Ein Warndreieck ist korrekt aufgestellt, aber der havarierte Transporter steht direkt hinter einer Kurve. Die Straße ist eng und gut befahren, nur eine Fahrbahn ist frei und an der Beifahrerseite ist ein Graben. Schon das Aussteigen an der Fahrerseite ist nur sicher, wenn alle vorbeifahrenden Fahrzeuge Rücksicht nehmen. Und dann passiert, was Maik offensichtlich kennt und nur mit einem Kopfschütteln kommentiert: ein Auto fährt viel zu schnell, viel zu nah und mit lautem Hupen an Maik vorbei, der gerade längs am Fahrzeug entlang gehen muss, um das Abschleppen vorzubereiten. 

Mein erster Gedanke nach dem Schreck: Was würde eigentlich passieren, wenn dieses rücksichtslose Verhalten zur Anzeige gebracht würde? Eine Frage, die wir demnächst in der BAVCinfo aufgreifen und damit für die BAVC-Mitglieder klären können.

Während ich mich noch aufrege, ist Maik fertig zur Abfahrt und das Dokumentieren des Auftrages auf dem Tablet ist quasi nebenher zwischen Einsteigen und Abfahren erledigt.

Diesmal wird der Fahrer des liegengebliebenen Transporters mitgenommen und auf halber Strecke zu seinem privaten Fahrzeug gebracht. Wie sollte es anders sein, auch diesmal ist die Zufahrt zur Werkstatt schwierig. Der enge Wendehammer ist von PKWs und einem Wohnmobil zugeparkt.

Der Kunde steht schon freundlich winkend bereit und beobachtet das Abladen seines Transporters interessiert. Offensichtlich ist er als Profi ebenso beeindruckt von Maiks Rangierkünsten wie ich. Nachdem auch dieser Fall erledigt ist, schaue ich zum ersten Mal auf die Uhr und frage Maik wie er es denn so mit der Mittagspause hält. Klar, Pause wird gemacht, wie es dazwischen passt. Wir steuern jetzt die nächste Tankstelle an. Ich bin mir nicht sicher, ob Maik sich diese Pause auch ohne meinen Hinweis gegönnt hätte. 

Der letzte Einsatz des Tages – und der komplizierteste

Wieder eine längere Anfahrtstrecke. Der Transporter eines Gartenbetriebes steht in einer für den benötigten Abschlepper nicht zu erreichenden Garage. Der Pannenservice des Herstellers hat offensichtlich schon viel versucht, damit der Transporter wenigstens bis zur nächsten Straße fahren kann. Ohne Erfolg. Ein erstes Abschleppen mit dem Servicemobil zum für unseren Abschlepper möglichen Parkplatz soll mit Maiks Hilfe erfolgen. Man kennt sich, fachsimpelt und auch der Mitarbeiter des Gartenbetriebs wird einbezogen. Ich schaue zu und bin beeindruckt mit wieviel Konzentration und ja, auch Leidenschaft, dieser Fall gelöst wird.

Nach diesem Fall geht es zum ersten Mal an diesem Tag zurück zur Heimatwerkstatt und mein Tag auf dem Abschleppwagen endet hier. Die Sonne geht langsam unter. Ich lerne noch Maiks Kollegen kennen, der die Einsätze plant und den ich bisher nur als Stimme über Mobilfunk wahrgenommen habe. 

Seine Arbeit mal für einen Tag zu begleiten, wäre sicher auch spannend … ich gebe zu, nicht ganz so spannend, wie die Arbeit von Maik mitzuerleben.

Was bleibt: Respekt vor diesem Job und für die Menschen, die ihn mit Leidenschaft erfüllen

Als Automobilclub betrachtet man die Leistungen nach einer Panne als Prozess, der serviceorientiert und kostenoptimiert ablaufen muss. Das Feedback der Mitglieder -sei es Lob sei es Kritik – dient dazu, diese Prozesse immer wieder zu überprüfen und zum Beispiel auch durch neue technische Möglichkeiten kontinuierlich zu verbessern. 

Die Sicht der Leistungserbringer, also der vielen Pannenservice-Mitarbeiter, aufzunehmen und bei der Prozessplanung einzubeziehen, ist Aufgabe von assistance partner. Als Automobilclub bekommt man die Sicht der Praktiker wohl viel zu selten direkt vermittelt.

So banal so wahr: ich bin nach diesem Tag schwer beeindruckt. Die Frage der Kundin vom ersten Einsatz würde ich immer noch verneinen. Es wäre kein Job für mich. Nicht nur, weil mir die technische Leidenschaft und das Fahrtalent fehlen. Diese Arbeit ist körperlich anstrengend, nicht selten gefährlich und einen Einsatz nach einem Unfall mit Personenschaden mag ich mir gar nicht erst vorstellen. Vorstellen kann ich mir gut, dass Menschen in einer herausfordernden Pannensituation besonders sensibel sind und vom Pannenhelfer begleitet werden wollen. Der muss dann ganz nebenbei noch einen technischen Auftrag erfüllen und sauber dokumentieren.

Allen Pannenhelfern wünsche ich Sicherheit bei jhren Einsätzen und allen BAVC-Mitgliedern wünsche ich im Schadenfall einen Pannenhelfer, wie ich ihn begleiten durfte.

Assistance Partner - die Silbernen Engel für Menschen unterwegs

Als Mitarbeiter der Firma Stolte ist Maik Ewald Teil eines deutschlandweiten Netzwerks von 517 Assistance Partnern mit ca 2.000 Einsatzfahrzeugen. Dieses Netzwerk der "Silbernen Engel" bewältigt im Jahr über 700.000 Einsätze.

 

 

Bilder: BAVC-Bruderhilfe e.V.