Deutschland, Deine Straßen

Wo früher Kutschen über unbefestigten Grund oder allenfalls grob gepflasterte Straßen rumpelten, sorgen heute aufwendig konstruierte Pisten für ein möglichst reibungsloses und geräuscharmes Vorankommen der Fahrzeuge. Die hohen Radlasten der LKWs und ein starkes Verkehrsaufkommen mit mancherorts bis zu 120.000 Fahrzeugen pro Tag stellen eine enorme Belastung für unser Straßennetz dar. Um den Verschleiß zu überwachen, wurde in den 1990er-Jahren auf den Bundesfernstraßen mit der regelmäßigen Zustandserfassung und -bewertung (ZEB) begonnen. Seitdem werden in einem festgelegten Turnus von vier Jahren im Wechsel die Fahrbahnoberflächen von Bundesautobahnen und Bundesstraßen mit schnell fahrenden Messfahrzeugen gescannt.

Auf Bundesautobahnen werden alle Fahrstreifen in beiden Fahrtrichtungen messtechnisch erfasst. Bei ein- und zweibahnigen Bundesstraßen jeweils nur ein Fahrstreifen je Richtung. Bei einer Gesamtlänge des Bundesfernstraßennetzes von 52.000 km ergibt das eine Auswertelänge von ca. 100.000 km. Eine enorme Streckenlänge, die auch der Grund ist, weshalb sich die Messtätigkeit über mehrere Jahre erstreckt: In den ersten zwei Jahren werden die Autobahnen gescannt, in den darauffolgenden zwei Jahren die Bundesstraßen.


Vier Jahre Inventurtour
Ab 3,5 wird es kritisch.
Exkurs: Zustand deutscher Autobahnen und Bundesstraßen
Gefahr erkannt – und dann?
Kommunale Straßen
KI als Universalwerkzeug
Beiläufige Bestandsaufnahme
Schwarmintelligenz als Mängelmelder
Effekte, die der öffentlichen Verwaltung doppelt nützen

Vier Jahre Inventurtour

Per Lasertechnik erfasst das Messfahrzeug die Quer- und Längsebenheit der Fahrbahn. Ihre Griffigkeit prüft ein schräggestelltes Messrad. Zusätzlich wird die Fahrbahnoberfläche noch per Digitalkamera gefilmt. Mit den so gewonnenen Daten werden der Gebrauchs- und der Substanzwert berechnet.

In den Gebrauchswert fließen die Daten zur Längs- und Querebenheit sowie der Griffigkeit ein. Er liefert die Kriterien für die Beurteilung der Fahrsicherheit und des Fahrkomforts eines Streckenabschnitts. Der Substanzwert spiegelt den Zustand der Straßenoberfläche wider. Beide Werte zusammen ergeben dann den Zustandswert für einen Streckenabschnitt, der mit einer Note zwischen 1 und 5 bewertet wird.

Ab 3,5 wird es kritisch.

Die Note 3,5 ist als Warnwert definiert. Fahrbahnabschnitte im Notenbereich 3,5 bis 4,5 werden anschließend einer intensiveren Beobachtung unterzogen, um die Ursachen ihres schlechten Zustands zu ergründen.

Ist ein Fahrbahnsegment mit Note 4,5 (Schwellenwert) oder schlechter bewertet, werden umgehend Maßnahmen geprüft, um den Verkehr in dem betreffenden Abschnitt einzuschränken oder die Mängel zu beheben.

Wenngleich dieses Verfahren nur den Zustand der Fahrbahnoberfläche erfasst und bewertet, liefert es doch auch Erkenntnisse und Anhaltspunkte für eine eingehendere Überprüfung der Fahrbahnbefestigung des betreffenden Segments.

Erst wenn weitere Erkenntnisse zum Zustand des gesamten Fahrbahnaufbaus vorliegen, lassen sich die Schadensursachen klären. Um konkrete Erneuerungsmaßnahmen zu planen und durchzuführen, sind weitere spezielle straßenbautechnische Untersuchungen erforderlich.

Exkurs: Zustand deutscher Autobahnen und Bundesstraßen

Über den Zustand der Fahrbahnen auf Bundesstraßen und Autobahnen in Deutschland informierte die Bundesregierung in ihrer Antwort (19/8800) am 10.04.2019 auf eine Kleine Anfrage der FDP-Fraktion [PDF, 120 KB] wie folgt (Auszug):

„… In Bezug auf den Gebrauchswert, der vor allem die Fahrsicherheit und den Fahrkomfort widerspiegelt, befinden sich 11,7 Prozent der Autobahnen und 5,7 Prozent der Bundesstraßen in einem sehr guten Zustand. Bei 82,6 Prozent der Autobahnen und 79,1 Prozent der Bundesstraßen besteht den Angaben zufolge kein besonderer Handlungsbedarf. 4,8 Prozent der Autobahnen und 12,7 Prozent der Bundesstraßen bedürfen einer intensiven Beobachtung und gegebenenfalls einer Planung von Maßnahmen zur Verbesserung der Gebrauchstauglichkeit. 0,8 Prozent der Autobahnen und 2,5 Prozent der Bundesstraßen haben einen Gebrauchswert erreicht, bei dem die Einleitung von verkehrsbeschränkenden oder baulichen Maßnahmen zeitnah zu prüfen ist.

Mit Blick auf den Substanzwert, der den baulichen Zustand der Straße wiedergibt, sind 17,9 Prozent der Autobahnen und 11,1 Prozent der Bundesstraßen in einem sehr guten Zustand. Für 65 Prozent der Autobahnen und 57,7 Prozent der Bundesstraßen besteht kein besonderer Handlungsbedarf. Bei insgesamt 6,5 Prozent aller Streckenabschnitte auf Bundesautobahnen und 13,4 Prozent der Bundesstraßen gibt der Zustand Anlass zur intensiven Beobachtung der Strecken und gegebenenfalls zur Planung von Maßnahmen zur Zustandsverbesserung. Bei 10,6 Prozent der Streckenabschnitte der Autobahnen und 17,7 Prozent der Bundesstraßen ist die Durchführung von verkehrsbeschränkenden oder baulichen Maßnahmen zu prüfen, wobei im Vorfeld immer eine Schadensbegutachtung erfolgen sollte, …“

Gefahr erkannt – und dann?

Diese Bestandsaufnahme klingt gar nicht mal so schlecht. Dennoch wird das Thema Autobahnen auch koalitionsintern derzeit heftig diskutiert. Die Planungen, das Autobahnnetz weiter auszubauen, stoßen insbesondere bei den Grünen auf massive Ablehnung.

Dabei wäre schon viel gewonnen, wenn die erkannten Mängel im bestehenden Netz zügig behoben würden. Berühmtes Negativbeispiel ist die Rahmedetalbrücke auf der Sauerlandlinie.

Talbrücke Rahmede bei Lüdenscheid, Aufnahme von 2015 (Quelle: Wikimedia cc 3.0, Michael Kramer)
Talbrücke Rahmede bei Lüdenscheid, Aufnahme von 2015 (Quelle: Wikimedia cc 3.0, Michael Kramer)

Hier auf der A45 bei Lüdenscheid zeigt sich, wie schleppend manchmal dringend erforderliche Baumaßnahmen vorangehen und Umleitungen die Anwohner und Unternehmen ganzer Regionen massiv belasten: 2014 wurde die Entscheidung getroffen, die Rahmedetalbrücke nicht zu sanieren. Im Jahr 2015 folgte der Auftrag für einen Neubau.

2021 wurde die Brücke komplett gesperrt, weil sie einsturzgefährdet war. Ihre Sprengung war bereits für 2022 geplant, wurde verschoben und soll nun am 7. Mai 2023 stattfinden. Bis die neue Brücke gebaut ist, werden weitere Jahre vergehen. Wenn die ersten Fahrzeuge über die neue Brücke rollen, dürften also mehr als zehn Jahre ins Land gegangen sein seit dem Beschluss, die alte Brücke nicht zu sanieren.

Für Lüdenscheid und die Region ist die Sperrung der Brücke auf Jahre hin eine enorme Belastung. Täglich rollen rund 20.000 zusätzliche Fahrzeuge durch die Stadt. Die Anwohner leiden unter dem Verkehrschaos. Sie beklagen Lärm und Abgase. Auch die dort ansässigen Unternehmen bekommen die Negativfolgen des Provisoriums zu spüren. Stau und Umleitungen lähmen ihren Lieferverkehr. Sie verlieren Kunden und damit Geschäft.

Aufnahmen eines Kameradrohnenfluges über die für die Sprengung vorbereitete Brücke im März 2023 [externer Link]

Rahmedetalbrücke erfolgreich gesprengt (Video WDR aktuell vom 07.05.2023) [externer Link]

Inzwischen beschäftigt sich auch der Bundestag mit Gesetzen zur Beschleunigung von Planungs- und Genehmigungsverfahren für Brücken auf Bundesfernstraßen. Das macht Hoffnung. Und es nährt den Eindruck, dass der öffentlichen Infrastruktur in vielen Bereichen eine Verfahrensbeschleunigung guttäte, auch beim Ausbau der erneuerbaren Energien und der Ladeinfrastruktur.

Kommunale Straßen

Und wie sieht es beim normalen Straßennetz in Städten und Gemeinden aus? Auch hier müssen Straßen und Wege in Schuss gehalten werden. Keine leichte Aufgabe angesichts knapper Finanz- und Personalressourcen. Denn auch in der kommunalen Verwaltung ist der Fachkräftemangel inzwischen angekommen. Und auch hier dürfte er sich weiter verstärken, wenn die Babyboomer-Generation komplett in Rente ist.

Es ist also nicht nur die Bürokratie, die Abläufe bremst und Zeit frisst. Es fehlt vielerorts auch schlicht am Personal für eine zügige Umsetzung der erforderlichen Maßnahmen.

KI als Universalwerkzeug

Künstliche Intelligenz (KI) gilt inzwischen in vielen Bereichen als Hoffnungsträger für die Bewältigung von Aufgaben, die trotz Personalmangels nicht weniger dringlich werden. Richtig eingesetzt, kann KI Teilaufgaben übernehmen und ihre menschlichen Kollegen entlasten, ohne dass das Arbeitsergebnis leidet.

Auch für den Bereich der kommunalen Straßeninstandhaltung gibt es inzwischen Lösungen, die die ihnen übertragenen Aufgaben zuverlässig erfüllen. Eine davon heißt Vialytics und ist u.a. in Städten wie Bad Honnef und Tübingen bereits im Einsatz.

Beiläufige Bestandsaufnahme

Vialytics erfasst automatisiert und mit Hilfe Künstlicher Intelligenz Schlaglöcher und Unebenheiten auf Straßen, Rad- und Gehwegen. Mussten bisher Mitarbeiter der Stadt die Straßen ablaufen und die Schäden einzeln per Hand erfassen und bewerten, erledigt dies nun ein Smartphone. An der Windschutzscheibe der Kehrmaschine oder des Müllwagens montiert, fotografiert und bewertet es den Straßenzustand und erleichtert so auch eine zuverlässige Kostenkalkulation für die Beseitigung der Schäden.

Schwarmintelligenz als Mängelmelder

Schlaglöcher, Müll auf Spielplätzen oder defekte Straßenlaternen – in Weiterstadt wird Schwarmintelligenz in Gestalt der Bürgerbeteiligung für das Gemeinwohl genutzt. Hier können Mängel und Missstände im Stadtbild per App direkt an die Stadtverwaltung gemeldet werden.

Wer eine Beobachtung mitteilen möchte, öffnet auf seinem Smartphone die App oder Website, markiert den aktuellen Standort, wählt eine Meldekategorie aus. Die Beobachtung kann noch mit einem Foto und ggf. auch einer Kurzbeschreibung ergänzt und dann als Nachricht direkt an die Stadtverwaltung gesendet werden, und zwar so, dass sie automatisch beim zuständigen Fachamt landet. Auf diese Weise mit allen relevanten Informationen versorgt, kann dieses dann alle erforderlichen Maßnahmen ohne Zeitverzug in die Wege leiten.

Die in Weiterstadt eingesetzte Lösung bietet darüber hinaus die Möglichkeit, alle eingereichten Mängel einschließlich Status der Bearbeitung öffentlich auf einer digitalen Karte darzustellen. Ergänzend dazu wird jeder Meldende per E-Mail über den Bearbeitungsfortschritt informiert.

Effekte, die der öffentlichen Verwaltung doppelt nützen

Das so geschaffene Mehr an Effizienz und Transparenz – ob nun KI-gestützt oder mit Hilfe der Schwarmintelligenz – fördert das Vertrauen in die Arbeit der öffentlichen Verwaltung.

Ämter und Behörden werden vielerorts nur noch als lästiges Übel wahrgenommen. Selbst für einfachste Anliegen ist nur Monate im Voraus ein Termin zu bekommen, deren Bearbeitung dann ebenfalls Monate dauert. Beschleunigte Verfahren und neue Technologien können also auch für Ämter und Behörden ein guter Ansatz sein, um mit positiven Erfahrungen bei den Menschen zu punkten, für die sie da sind.


 

 

 


Foto: Tobias Arhelger

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