50 Jahre Notrufnummer

Am 20. September 2023 jährte sich die bundesweite Einführung der Notrufnummern 110/112 zum 50. Mal. Ein wichtiges Ereignis, das selbst auf einen tragischen Vorfall zurückgeht. Denn vorangetrieben wurde die Einrichtung der lebensrettenden Notrufnummern durch die Stiftungsgründer Ute und Siegfried Steiger. Im Jahr 1969 kam ihr damals achtjähriger Sohn Björn nach einem Verkehrsunfall ums Leben, weil der Rettungsdienst erst nach fast einer Stunde eintraf – zu spät für den Jungen, der nicht an seinen Verletzungen, sondern an einem vermeidbaren Schock starb. Für das Ehepaar Steiger war damals klar: Im deutschen Rettungswesen muss sich grundsätzlich etwas ändern. Dies machten sie sich zur Lebensaufgabe und riefen die Björn-Steiger-Stiftung ins Leben.


Weitere Projekte
Die Rettung bedarf der Rettung.
Zukunft der Stiftung

Bis die lebensrettenden Notrufnummern in Dienst gingen, war es noch ein weiter Weg. Werden heutzutage über Social Media binnen Tagen Kampagnen mit großem Mediendruck und enormer Reichweite auf die Beine gestellt, waren für Ute Steiger eine Schreibmaschine und enorme Ausdauer die Mittel der Wahl. Es vergehen vier Jahre, in denen sie mehr als 6.000 Briefe an unterschiedlichste Entscheidungsträger schreibt und ihr Mann zahlreiche Politiker auf Landes- und Bundesebene anspricht.

Für das Ehepaar Steiger markierte diese Entscheidung einen wichtigen Etappensieg auf dem Weg zu einem besseren und effektiveren Rettungswesen in Deutschland. In den darauffolgenden Jahren ist die Stiftung Schrittmacher zahlreicher weiterer Projekte, die zum Ziel haben, die Notfallversorgung in Deutschland grundlegend zu ändern und die uns heute selbstverständlich sind:

  • Sprechfunk in den Krankenwagen
  • Ausbildung der Rettungssanitäter
  • Aufbau und Finanzierung der ersten zivilen Luftrettungsorganisation
  • Notruftelefone an deutschen Straßen
  • Baby-Notarztwagen als Ersthilfe-Versorgung und sichere Transportmöglichkeit für Neugeborene und Frühchen in spezielle Krankenhäuser (Mittlerweile gibt es den Baby-Notarztwagen in der 5. Generation.)

Weitere Projekte

„Kampf dem Herztod“ und „Herzsicher“

Mit dem Aufstellen von Defibrillatoren, die von Laien bedient werden können, hat sich die Stiftung zur Aufgabe gemacht, die Zahl der jährlich 100.000 Herztod-Opfer zu reduzieren. Ergänzend dazu wirbt sie für mehr öffentliche Schulungen, um Hemmnisse und Unsicherheiten abzubauen, die beim Thema Erste-Hilfe nach wie vor bestehen und Leben kosten.

Retten macht Schule

Erste-Hilfe-Ausbildung für Schülern ab der siebten Klasse. Die im Jahr 2007 gestartete Initiative ist inzwischen in die Empfehlung des Schulausschusses an die Kultusministerkonferenz gemündet, ab der siebten Klasse flächendeckend in den weiterführenden Schulen Wiederbelebungskurse anzubieten.

Sani Sanelli

Das im Jahr 2005 bundesweitet gestartete Projekt will Grundschülern das richtige Verhalten im Notfall und das Absetzen eines Notrufs spielerisch vermitteln.

Ritter Björn

Ergänzend zu den Projekten für Grundschulkinder und Schüler auf weiterführenden Schulen richtet sich diese im Jahr 2018 begonnene Initiative an Kinder im Vorschulalter in Kindergärten und Kitas. Ziel ist es, die Kinder mit der Notfallnummer 112 und dem Beantworten von Fragen im Notfall vertraut zu machen. Dabei wird auch die stabile Seitenlage trainiert. Alle diese Angebote sind für die Einrichtungen und die teilnehmenden Kinder kostenfrei.

Kongress 2019

Auch die Arbeit auf politischer Ebene ist nach wie vor fester Bestandteil der Stiftungsarbeit. So wurde im Juli 2019 aus Anlass des 50-jährigen Bestehens der Björn-Steiger-Stiftung der Fachkongress „Wege zum Rettungsdienst der Zukunft“ in Berlin ausgerichtet. Angesichts der Überlastung des Rettungsdienst-Personals, nicht besetzter Notarztstellen und des ansteigenden Notruf-Volumens schlug die Stiftung Alarm.

Auch das Fehlen bundesweit einheitlicher Qualitätsstandards im Rettungsdienst und der Wegfall des Zivildienstes als Rekrutierungsmöglichkeit für den Rettungsdienst sind ihr ein Dorn im Auge. Die Kürzung der Mittel für Freiwilligen-Dienste, die derzeit Wellen schlägt, dürfte die Situation ebenfalls verschlimmern.

Die Rettung bedarf der Rettung.

Ein dramatisches Bild zur Situation des Rettungswesens in Deutschland zeichnete Pierre-Enric Steiger, Präsident der Stiftung und Sohn des Gründerpaars, im Interview mit dem Morgenmagazin „moma“ des ZDF am 20.09.2023 anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der Notrufnummern in Deutschland.

„Die Rettung bedarf der Rettung“. Mit diesen Worten hatte sein Vater bereits vor fünfzig Jahren die Situation des deutschen Rettungswesens umrissen. Ein Appell, den vor wenigen Tagen nun Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach aufgriff, als er das entsprechende Konzept der Regierungskommission vorstellte, in das auch viele Anregungen der Stiftung eingeflossen seien.

Um der 41.000 Notrufe, die an einem normalen Tag im Schnitt in den deutschen Leitstellen auflaufen, Herr zu werden und Bagatellfälle nicht zu Lasten von echten Notfällen gehen zu lassen, müssten, so Steiger, die Leitstellen Zugriff auf alle Ressourcen des Gesundheitssystems haben. Derzeit seien Notrufe die Lückenbüßer des Systems. Wer keinen Termin bei seinem Hausarzt bekommt, ruft einfach die 112.

Auch die Handhabung des Datenschutzes in Deutschland sieht Steiger als Problem an. So hätten die Leitstellen hierzulande keinen Zugriff auf die Medikationspläne der Patienten – ein Informationsdefizit, das im Notfall Ressourcen bindet, viel Zeit und manchmal auch Leben kosten kann. In anderen europäischen Ländern, in denen dieselbe Datenschutzgrundverordnung gilt, seien diese Patienteninformationen hingegen verfügbar.

Als weiteren Kritikpunkt nannte er die bundesweit nach wie vor sehr uneinheitlichen Regelungen in der Notfallversorgung. Ob ein Notarzt- oder Rettungswagen beispielsweise ein bestimmtes bei Lungenembolie lebensrettendes Medikament an Bord habe, sei derzeit noch abhängig davon, in welchem Landkreis sich der Notfall ereignet. Damit Notfallversorgung in Deutschland nicht dem Zufall überlassen bleibe, sei auch hier ein bundeseinheitlicher Standard dringend erforderlich.

Zukunft der Stiftung

Die beiden Stiftungsgründer, Ute und Siegfried Steiger, sind im Jahr 2022 kurz nacheinander verstorben. Doch wie sich zeigt, bleibt ihr Werk zum Wohle der Allgemeinheit lebendig und lebenswichtig. Auch fünfzig Jahre nach Einführung der Notrufnummer hat es nicht an Relevanz eingebüßt.


Weitere Informationen

Website der Björn-Steiger-Stiftung [externer Link]

 

 

 


Bild: blende11.photo

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